Aachen. Wer durch die Aachener Innenstadt schlendert, kennt das Bild: Leerstehende Ladenlokale, zugeklebte Schaufenster, verwaiste Passagen. Was vor zehn Jahren noch pulsierende Einkaufsmeile war, wirkt heute oft leblos. Und Aachen steht mit diesem Problem nicht allein – von Eschweiler über Stolberg bis Düren sieht es ähnlich aus. Die Innenstädte der Region verlieren an Attraktivität. Doch woran liegt das – und vor allem: Was lässt sich dagegen tun?
Strukturwandel statt Strukturkrise
Zunächst die nüchterne Analyse: Der Niedergang des stationären Einzelhandels ist kein lokales Versagen, sondern Ausdruck eines tiefgreifenden wirtschaftlichen Wandels. Überwiegendes Online-Shopping ist Normalität. Tendenz steigend, je mehr ältere Menschen versterben. Besonders betroffen: Mode, Elektronik, Bücher. Also genau jene Branchen, die einst die Fußgängerzonen geprägt haben.
Das ist ökonomisch folgerichtig. E-Commerce ist effizienter, kostengünstiger und bequemer. Kunden bestellen rund um die Uhr, vergleichen Preise in Sekunden, lassen sich Waren nach Hause liefern. Für klassische Kaufhäuser und Fachgeschäfte wird es immer schwerer, dagegen anzukommen – insbesondere in Mittelstädten ohne überregionale Strahlkraft.
Doch der Wandel bedeutet nicht das Ende der Innenstadt. Er erfordert nur ein Umdenken: weg vom reinen Konsum, hin zu gemischten, lebendigen Quartieren.
Umnutzung statt Leerstand
Die Lösung liegt in der Flexibilität. Leerstehende Ladenlokale müssen nicht zwingend wieder zu Geschäften werden. Im Gegenteil: Viele Städte profitieren davon, wenn ehemalige Kaufhausflächen zu Wohnraum, Restaurants, Co-Working-Spaces oder Kulturorten umgebaut werden. Das schafft nicht nur Vielfalt, sondern auch Frequenz – und zwar nicht nur samstags zwischen 10 und 18 Uhr, sondern sieben Tage die Woche.
Doch hier beginnt das Problem: In vielen deutschen Innenstädten sind Umnutzungen rechtlich und bürokratisch erschwert. Bebauungspläne schreiben oft Einzelhandelsnutzung vor, Umbauten scheitern an Brandschutzauflagen, Investoren scheuen das Risiko. Die Politik muss hier Hürden abbauen – durch flexible Bebauungspläne, beschleunigte Genehmigungsverfahren und gezielte Förderung von Umbauprojekten.
Einige Städte gehen bereits voran. In Stolberg etwa zeigt das Projekt Kupferstadt, wie etwas ähnliches funktionieren kann. Nach der verheerenden Flut 2021 stand die Innenstadt vor dem Aus. Die Stadt reagierte pragmatisch: Sie übernahm für neue Geschäftsgründer einen Teil der Miete – zunächst befristet für einige Jahre. Das Ergebnis: Dutzende neue Läden, Cafés und Kulturinitiativen sind entstanden. Die Innenstadt hat wieder Leben, weil Gründer und kleine Unternehmen eine echte Chance bekommen haben, ohne sich sofort finanziell zu übernehmen.
Keine Monokulturen mehr
Solche Modelle ließen sich auch in Aachen und der Region etablieren. Statt auf große Ketten zu setzen, die bei der ersten Krise wieder abwandern, sollten Kommunen lokale Gründer fördern – durch Mietrabatte, Pop-up-Konzepte oder städtische Zwischennutzungsflächen. Das bringt nicht nur wirtschaftliche Vielfalt, sondern auch Identität. Denn kleine, inhabergeführte Läden schaffen etwas, das große Filialisten nicht können: Nahbarkeit, Kreativität, lokale Verankerung.
Gleichzeitig braucht es den Mut, Innenstädte nicht mehr als reine Einkaufszonen zu denken. Moderne urbane Quartiere leben von Mischung: Wohnen, Arbeiten, Kultur, Gastronomie. Wer tagsüber im Café arbeitet, abends im Restaurant isst und nebenan wohnt, macht die Stadt lebendig – nicht nur als Konsument, sondern als Bewohner.
Die Politik muss handeln
Für Aachen und die Region heißt das konkret: Mehr Mut zur Umnutzung. Mehr Unterstützung für lokale Gründer. Mehr Offenheit für neue Nutzungskonzepte – auch wenn sie nicht sofort Gewerbesteuer bringen. Und mehr Bereitschaft, Innenstadt nicht als Handelsstandort, sondern als Gemeinschaftsort zu denken.
Die leeren Schaufenster sind nicht das Ende. Sie sind eine Aufforderung, neu anzufangen – klug, flexibel und wirtschaftlich nachhaltig. Andere Städte auch mit Blick in die Niederlande zeigen, dass es geht. Jetzt ist die Region Aachen am Zug.